Nachdem wir eingeparkt hatten, sind wir wieder ausgestiegen und zu dem Haus wieder hingegangen. Ein älterer Mann, erstaunlich mitteilungsbedürftig. So erfuhren wir, dass er eine „Native“ Mutter hatte und einen weißen Vater. Also Halbindianer ist. Schon seinen Urgroßeltern gehörte das Land, auf dem wir uns verfahren hatten. Das ursprüngliche Haus weiter hinten, wir saßen an seinem, noch ein wenig im Bau befindlichen Haus. Er bot uns Kaffee an, wir lehnten ab, wollten wir doch bald schlafen gehen. Aber noch auf eine Zigarette… Zoco holten wir noch dazu und so konnte er mit seinem Hund noch ein wenig spielen. Zoco ist zwar mit allen verträglich, aber das war wirklich ein Match von Sekunde eins. Die beiden, eine junge Shepard Hündin und Zoco liebten sich auf den ersten Blick. Sehr nett anzusehen. Wir erfuhren noch, dass auf dem Hof ein paar Pferde und Kühe stehen, wobei die großen Herden auf den Graslands verteilt sind. Morgen würde sein Sohn kommen und Dienstag dann die ganze Famile, es ist Brenntag. Rund 300 Kälber müssen gebrannt werden. Hätten wir dem kleinen schmächtigen Mann absolut nicht zugetraut. So, wie er hier lebt, wie er selbst aussieht. Geprägt von täglich schwerer körperlicher Arbeit. Seine Frau lebt ein paar Dörfer weiter und betreibt dort ein Motel, drei Kinder, zwei Töchter und einen Sohn und fünf Enkelkinder, umfasst seine Familie. Das besondere aber schon an diesem Abend, mit welcher Selbstverständlichkeit er uns einfach aufgenommen hat. Wobei schon an diesem Abend klar wurde, dass er die heutigen Generationen dafür verachtet, dass es nur noch ein „take“, also nehmen gibt, kein Geben. Als wir uns dann trennten und wir zum Sprinter gingen, war es ja stockdunkel, bis auf die Blitze. Diese hatten sich mittlerweile so angenähert, dass kräftiges Gedonner dazu kam und ein Sturm, dass sich die Bäume bogen. Wir flüchteten also mehr Richtung Sprinter. Der Weg überall tiefer schwarzer Sand, bzw. Erde. Mein erster Blick ging Richtung Sprinter, wie weit weg er von den Bäumen steht, denn es hätte mich nicht gewundert, wenn der ein oder andere gleich entwurzelt wird. Was eine Nacht, todmüde, völlig verfranzt in der Wildnis, 20 Kilometer härteste Offroad Strecke (was ich eh nicht mag), der Einbruch, der Fremde mit seinen Geschichten und jetzt das Gewitter! Als wenn das nicht reicht, gehe ich Thomas hinterher, er hatte Zoco noch an der Leine, ein Blitz und in dem Moment gucke ich auf den Boden und sehe einen vermeintlichen Ast! Der ist aber komisch gebogen… ahhh kurzer heftiger Schrei von mir, Thomas springt vor Schreck rechts mit Zoco zur Seite. Ein Glück… sonst wäre er mit Zoco, auf eine gut 1,50 Meter Schlange gelatscht… Thomas fragt was los, ich, ne Schlange und beide fangen wir an zu laufen und springen in den Sprinter… gerettet. Thomas fix und fertig, seine größte Sorge, schon im Vorfeld der Panamerikana Planung, waren Schlangen und andere giftige Krabbeltiere… Ok, die erste haben wir nun durch und ist ja glimpflich abgelaufen. Natürlich wollten wir gleich gucken, was gibt es denn für Schlangen hier in der Gegend. Tja, was soll ich sagen, der Tag musste ja komplettiert werden. Mittlerweile war das Gewitter direkt über uns, neben Sturm, Blitze und Donner, kamen jetzt heftiger Regen und Hagel dazu. Könnt ihr euch vorstellen, wie laut das im Sprinter ist, trotz Dämmung? Natürlich hat man dann auch kein Internet mehr. Normales Netz eh nicht, in der Wildnis, aber auch Starlink hat sich verabschiedet… was für ein Tag. Abgeschieden irgendwo im nirgendwo, konnten wir nicht mal gucken, wo wir sind? Keine GPS Daten, geschweige denn Internet oder gar Telefon. Ich denke, der Abend wird uns noch in langer Erinnerung bleiben. Lange werden wir uns aber auch an „Pat“ erinnern. So heißt unser Indianer nämlich. Das vorstellen hatten wir tatsächlich am Abend vergessen, aber am nächsten Morgen um 6.00 Uhr, stand er schon wieder auf seinem Grundstück und werkelte vor sich hin. Mein ersten halben Kaffee und die erste Zigarette konnte ich noch alleine genießen zum wachwerden, dann entdeckte er mich und lud mich zu sich zum Kaffee ein. Das hatten wir uns am Vorabend schon gedacht und verabredet, das Thomas dann auch gleich mit aufsteht. Außerdem hatten wir überlegt, was geben wir ihm eigentlich für den Stellplatz. Geld wäre nicht passend gewesen, einen Sticker von uns ok, aber irgendwie zu wenig. Thomas hatte die grandiose Idee. Er hatte, warum weiß ich gar nicht, aus Deutschland zwei deutsche Autofahnen mitgebracht. Davon wollten wir ihm eine geben, außerdem hatten wir noch eine Dose Mettwurst aus Deutschland dabei, auch das passt vielleicht. Gesagt getan, raus aus dem Auto, mit den kleinen Geschenken und erstmal Kaffee trinken gehen. Kleine Anekdote am Rande, gestern Abend hielt er seine Haustür noch sorgfältig verschlossen, wenn er mal reinging und heute, waren so eindeutige Gesten von ihm, dass ich doch mit reinkommen soll, um z.B. den Kaffee Becher wieder zu füllen. Also gut, mit rein und darüber gestaunt, wie aufgeräumt und sauber alles war. Eingangs das Wohnzimmer mit Schreibtisch und dahinter ein großer (übrigens beheizter Raum, nachts wurde es nicht kälter als 16 Grad und jetzt waren es schon wieder über 20) wo sich Bett und Küche befanden. Auch hier alles sehr einfach, aber sauber und ordentlich. Wir unterhielten uns über einige Dinge, u.a. von einem nahe gelegenen Ort, in dem Indianer leben und als ärmstes Dorf der Welt gilt. Hier regieren Drogen, Alkohol und Kriminalität in seiner rauesten Form. Als Thomas unser kleines Geschenk, die deutsche Fahne übergab, wurde er ganz still, starrte darauf und fragte uns, ob wir wüssten, was das bedeutet? Verwundert sahen wir uns an. Na, die Farben! Immer noch wussten wir nicht, was er uns sagen wollte. Er fragte nochmal, ob das die deutsche Flagge ist, was wir bejahten. Voller Erfurcht, zeigte er auf das Weiß, (von der Stange) und meinte, das steht für die Weißen, dann auf das Gelb, die Farbe der Asiaten, das Schwarz, die Farbe der Schwarzen und das Rot, die Farbe der Indianer! Er stand auf und holte was aus dem hinteren Bereich. Ein Stab mit zwei Verdickungen. Geschmückt mit den Farben, rot, gelb, schwarz, weiß! Und meinte, der Stab wäre seine Seele… Und dann ging ein Monolog von ihm aus, den ich hier nicht so wiedergeben kann, weil wir beide, Thomas und ich, so beeindruckt waren, von seiner Wärme, seinen Wünschen für die Welt, für die neuen Generationen. 100 Millionen Indianer sind im Laufe der Geschichte von Amerika, getötet worden. Auch heute, ist es egal, wer ein Land regiert, überall gibt es Krieg. Dabei ist es so einfach, der eine ist schwarz, der andere gelb, der andere rot und dann gibt es weiße. Wir alle haben ein Herz, mit dem wir fühlen sollen und leben. Gibt es einen Gott? Wir glauben dran, aber warum, wir alle sind Gott, jeder hat ein Herz zum Lieben. Guckt euch die Tiere an, lernt von ihnen. Denen ist es egal, ob rot, schwarz, weiß oder gelb. Tragt das bei eurer Reise weiter in die Welt und findet Frieden und lehrt ihn. Ja, ich weiß, das klingt alles pathetisch, war es aber auch und bevor wir ihn verließen, mussten wir uns wirklich in den Arm nehmen und drücken, weil jeder wusste, wir sind hier gestern nicht durch Zufall gelandet und niemand von uns wird diese Begegnung jemals vergessen. Es war unglaublich! Zum Abschied zeigte er uns noch ein Grab. Hier liegen die Köpfe von seinen Kühen. Alle, so sagt er, sind friedlich eingeschlafen, mit über 20 Jahren. In dieser Zeit haben sie ihm jeweils 20-30 Kälber geschenkt. Natürlich wäre der Kopf mit den Hörnern, gut zu veräußern gewesen, aber warum? Kälber bringen hier rund 1.000 Dollar. Sie haben mir also so viel geschenkt, mit ihren Kälbern, ich möchte sie dafür ehren und deshalb haben sie hier ihren Platz! Wir schauen uns nochmal an, er schenkt uns noch ein Bild seines Urgroßvaters, mit dem Vermerk, ja, ich habe hier ein großes Land geerbt von meinen Vorfahren. Es ist mein Land! Aber ich lease es vom Staate Amerika… ich brauche nicht viel, ich habe mein Fleisch (er schlachtet selbst), baue mein Gemüse an, habe meine Quelle, somit Wasser und Wasser ist Leben… wie recht er hat. Dank des Fotos vom Urgroßvater, traue ich mich zu fragen, ob wir ein „Selfie“ machen dürfen. Erinnere mich doch irgendwie daran, dass es bei Indianern verpönt ist, sich fotografieren zu lassen. Er lacht, natürlich! Vielen Dank, für diese Begegnung… bis morgen!



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